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Presse
13.07.2010, 16:46 Uhr | FREIES WORT - Lokalausgabe Hildburghausen Übersicht | Drucken
„Chancengleichheit eher verhindert“
Stv. Landrat Helge Hoffmann im Gespräch mit unserer Zeitung


Die Pläne der Regelschule Veilsdorf, die Vorreiterrolle in Sachen Gemeinschaftsschule zu übernehmen, wurden auch in der Schulverwaltung registriert. Jetzt äußerte sich der stellvertretende Landrat Helge Hoffmann dazu.


Die Pläne der Regelschule  Veilsdorf, die Vorreiterrolle  in Sachen Gemeinschaftsschule  zu übernehmen,  wurden auch in der Schulverwaltung  registriert.  Jetzt äußerte sich der stellvertretende  Landrat Helge  Hoffmann dazu.

Der FW-Beitrag vom 24.  Juni „Veilsdorf auf dem Weg in die Pilotphase“  bleibt ihrerseits nicht unwidersprochen.  Was hat Sie so in Harnisch  gebracht?

Eigentlich sehe ich das  Thema recht gelassen. Ich wundere  mich nur über die Selbstsicherheit,  mit der die Leiterin der Veilsdorfer  Regelschule behauptet, eine Gemeinschaftsschule  mache nur in  Veilsdorf Sinn. Und ich wundere  mich darüber, mit welcher Gewissheit  der dortige Bürgermeister erklärt,  dass kein anderer Schulstandort  im Kreis dadurch gefährdet sei.  Sie sind da offensichtlich anderer  Meinung.

Aus meiner Sicht – die sich mit der  der Schulverwaltung deckt – wäre  Veilsdorf beileibe nicht der günstigste  Standort einer Gemeinschaftsschule.  Ich habe mit vielen Schulleitern  gesprochen, und sie halten diese  Idee für sehr abenteuerlich. Ich halte  es für unverantwortlich – auch vom  Thüringer Ministerium für Bildung.,  Wissenschaft und Kultur – den Veilsdorfern  Hoffnung zu machen, eine  Gemeinschaftsschule könnte den  Regelschulstandort sichern. Ich erinnere  an eine der Kernaussagen in der  Eröffnungsveranstaltung zur Einführung  der Thüringer Gemeinschaftsschule  Anfang des Jahres. Dort wurde  unmissverständlich gesagt, dass  die Gemeinchaftsschule kein Mittel  sein kann, schwache Standorte zu  retten.

Gäbe es denn überhaupt einen geeigneten  Standort im Kreis?

Wenn überhaupt, kämen wohl  eher städtische Standorte wie Hildburghausen,  Eisfeld oder Schleusingen  in Frage. MeinesWissens gibt es  allerdings an keinem dieser Standorte  ernsthafte Überlegungen, eine Gemeinschaftschule  zu etablieren. Und  die Schulverwaltung wird sich hüten,  anderen einen solchen Standort  aufzudrücken.  In den Ausführungen der Veilsdorfer  Regelschulleiterin ist noch ein anderer  Widerspruch: Eine solche  Schule braucht nämlich genügend  Schüler. Ich fürchte, Frau Schlosser  rechnet mit Schülern, die gar nicht  da sind.

Gesetzt dem Fall, es gäbe ausreichend  Schüler. Was ist dann mit den anderen  Schulen im Kreis? Der Veilsdorfer Bürgermeister  Rädlein ist sicher, dass  kein Standort gefährdet ist.

Dem stimme ich nicht zu. Bei  Licht besehen ist eine Regelschule  wie inVeilsdorf mit gerade mal 80 bis  90 Schülern ja schon keine richtige  Regelschule mehr. Aus Sicht der  Schulverwaltung wird davon ausgegangen,  dass die Schulstandorte Eishausen  und Veilsdorf in den kommenden  Jahren nicht mehr als Regelschulstandorte  benötigt werden,  weil es nicht mehr genügend Schüler  gibt.

Die Fachleute aus dem Kultusministerium  gehen übrigens davon aus,  dass eine Gemeinschaftschule mindestens  zweizügig, besser dreizügig  sein sollte, das heißt mit 55 bis 60  Kindern pro Klassenstufe ab der 5.  Klasse. ZumVergleich: Die größte Regelschule  im Landkreis hat momentan  bei 200 Schüler. Mein Fazit: Die  Einführung einer Gemeinschaftsschule  hat zur Folge, dass mehrere  Regelschulen im Umfeld in ihrem  Bestand gefährdet sind.

Könnte nicht durch eine sinnvolle Kooperation  von Grund und Regelschule  in einer Pilotphase ausgetestet werden,  ob die Rechnung aufgeht?

Wenn eine Gemeinschaftsschule  auch nur annähernd funktionieren  soll, kann dieses Kooperationsgefasel  zwischen Grund- und Regelschule  nur als Krücke dienen. Schließlich  muss davon ausgegangen werden,  das eine Gemeinschaftsschule von  der ersten bis mindestens zur achten  Klasse angeboten wird. Wie das in  Veilsdorf laufen soll, ist mir schleierhaft,  zumal schon jetzt Probleme  auftreten, beide Schularten organisatorisch  unter einen Hut zu bringen.  Fragt sich, wie es später funktionieren  soll, wennman derzeit die Regelschule  perWeisung auffordern muss,  sich mit der Grundschule zu arrangieren,  wenn es um Klassenräume  geht.

Was halten Sie von der Kernaussage,  dass längeres gemeinsames Lernen  die Bildungsqualität erhöht und mehr  Bildungsgerechtigkeit schafft?

Der Mythos, dass längeres gemeinsames  Lernen zu höherer Bildungsqualität  führt, hat längst ausgedient.  Kann sein, dass das vor vierzig Jahren  noch stimmte. Heute gewiss nicht  mehr, weil sich grundlegende gesellschaftspolitische  Rahmenbedingungen  geändert haben. Wir haben heute  ein anderes Schülerklientel als vor  30 Jahren, auch Familien funktionieren  inzwischen anders. Die Kinder  kommen schon mit unterschiedlichsten  Voraussetzungen in die  Grundschule. Möglicherweise hatten  die Protagonisten der Gemeinschaftsschule  in erster Linie soziale  Aspekte im Auge. Doch Strukturveränderungen  im Bildungsbereich sind  aus meiner Sicht kein geeignetes  Mittel zur Steigerung der Bildungsqualität.  Sie führen eher zu einer weiteren  Verflachung des Niveaus.

Meiner  Auffassung nach verhindert die  Gemeinschaftsschule die Chancengleichheit  mehr als das jetzige System.  Schließlich weiß ein jeder, dass  das Tempo – auch beim Lernen – immer  von den Schwächsten bestimmt  wird.  Es ist vielmehr dringend geboten,  über Inhalte zu reden, statt sich in  sinnlosen Strukturdebatten zu ergehen.

Sehen Sie bei der derzeitigen Struktur  überhaupt einen Ansatzpunkt für die  Gemeinschaftschule im Kreis?

Halbe Sachen sind nicht mein  Ding. Wenn schon Gemeinschaftsschule,  dann richtig, das heißt von  der 1. bis 10. Klasse. Dann aber muss  man sich darauf einstellen, dass einige  Schulen dicht machen müssen.  Damit stellt sich natürlich die Frage,  wozu wir in den vergangenen 20 Jahren  die dreigliedrige Schulstruktur  etabliert und unser Schulnetz danach  ausgerichtet haben. Und da  sollte auch einmal deutlich gesagt  werden, dass die Gemeinschaftsschule  nicht ohne den Schulträger  durchgesetzt werden kann, weil das  Schulnetz als solches funktionsfähig  und bezahlbar sein muss.

Gespräch: Regina Haubold


aktualisiert von Thomas G. Marzian, 09.08.2010, 16:48 Uhr

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