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| 18.06.2010, 05:38 Uhr | FREIES WORT - Lokalausgabe Hildburghausen
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Interview "Ich halt' gar nix davon!" Landrat Thomas Müller zum Thema Gemeinschaftsschule
Mit einem Gegenentwurf sucht die Thüringer CDU derzeit, die Thüringer Schullandschaft vor der Einführung der Gemeinschaftsschule zu bewahren. In Kreisen der CDU-Landräte ist das neue, von der SPD favorisierte Gemeinschaftsschulmodell heftig umstritten. Auch der Hildburghäuser Landrat Thomas Müller steht dem Modell skeptisch gegenüber und befindet, dass sich hinter der Gemeinschaftsschule in Wirklichkeit eine Gesamtschule verberge. Gegenüber Freies Wort äußerte er seine Bedenken und begründet seine Ablehnung.
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| Genau wie seine Sonneberger Amtskollegin der CDU, Christine Zitzmann, hat auch Landrat Thomas Müller Vorbehalte gegen das Gemeinschaftsschul-Vorhaben des SPD-Koalitionspartners im Thüringer Landtag. Im Interview mit Freies Wort macht er deutlich, weshalb. |
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Freies Wort: Herr Landrat, was halten sie von der derzeitigen Kampagne des SPD-Koalitionspartners, bereits ab diesem Schuljahr sogenannte Gemeinschaftsschulen in Thüringen etablieren zu wollen?
Thomas Müller: Um es mit einem Satz zu sagen, ich lehne das Modell zum gegenwärtigen Zeitpunkt ab und dies auch vor dem Hintergrund, dass das Kultusministerium bisher nicht in der Lage war, einen entsprechenden Gesetzentwurf einzubringen. Und ich stehe damit nicht alleine. Meine Auffassung deckt sich mit der vieler Amtskollegen, Bildungspolitiker und Pädagogen.
Wo genau setzen Ihre Vorbehalte gegen die Gemeinschaftsschule an?
Meine Skepsis bezieht sich sowohl auf inhaltliche, wie auch formale Faktoren. Beginnen wir bei Letzteren: Im Koalitionsvertrag der Landesregierung wird die Gemeinschaftsschule als Wahlschulform angepriesen. Doch die Weichen dafür sind noch lange nicht gestellt, denn was das Kultusministerium plant, ist für die Schulträger - also die Landkreise - noch immer sehr nebulös. Soll heißen: Es gibt noch kein entsprechendes Gesetz. Infolge dessen fehlen auch die Durchführungsbestimmungen. Keiner weiß eigentlich, wo es langgeht. Am wenigsten die Schulverwaltung, die das Modell mit umsetzen müsste.
Was stört Sie inhaltlich an der Idee der Gemeinschaftsschule?
Um es klar zu sagen: Schon allein der Denkansatz der SPD, der darin besteht, dass die Kinder länger gemeinsam lernen sollen, um soziale Herkunft und Bildungserfolg zu entkoppeln, hält einer Analyse nicht Stand. Längeres gemeinsames Lernen vieler unterschiedlich leistungsfähiger Kinder führt unweigerlich dazu, dass die Qualität der Bildung sinkt. Aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen, dass die Gesamtleistungen einer Klasse auf Durchschnittslevel gebracht werden, weil der Versuch unternommen werden muss, viele unterschiedlichste Leistungspotenziale - in einem durchschnittlichen Zeitraum - unter einen Hut zu bringen. Eine gemeinsame Beschulung von Förderschülern, Grundschülern, Schülern mit Ausrichtung auf Haupt- und Realschulabschluss sowie solchen, die ein Abitur anstreben in einer Klasse dürfte für Pädagogen mehr als nur eine Herausforderung sein. Dem Prinzip der Differenzierung und vor allem der individuellen Förderung kann kaum Rechnung getragen werden. Die Gemeinschaftsschule wird zur Gesamtschule. Und entgegen der Beteuerungen der Strategen, sie sei keine Konkurrenz für das bisherige gegliederte Schulsystem, fürchte ich, dass sie zum Untergang der eigenständigen Grund- und Regelschulen führt und auch die Gymnasien beschädigt.
Ist die Gemeinschaftsschule mit der einstigen Polytechnischen Oberschule vergleichbar?
Das kann man so nicht vergleichen. Im Prinzip gab es in der DDR nur eine Schulform, nämlich die der Polytechnischen Oberschule. Aber auch in der DDR wurden begabte Kinder früh herausgepickt und gezielt gefördert, wie beispielsweise in den Sportgymnasien oder in Spezialgymnasien.
Oftmals hört man das Argument, dass Spätentwickler im heutigen Bildungssystem keine Chance haben, weil bereits ab der fünften Klasse separiert wird.
Auch für Spätentwickler ist unser jetziges Bildungsmodell durchlässig genug. Der Gegenentwurf der CDU zur Gemeinschaftsschule soll das noch einmal deutlich machen. Außerdem bestreite ich, dass Lehrer nicht rechtzeitig die Entwicklungspotenziale eines Kindes einschätzen können.
Betrachtet man das gegenwärtige Schulnetz im Kreis. Welche regionalen Ansatzpunkte gibt es zu Errichtung einer Gemeinschaftsschule unter dem Gesichtspunkt kommunaler Vernetzung?
Keiner weiß, wie das gehen soll. Bei unserer demografischen Entwicklung, die sich von anderen ländlichen Regionen Thüringens nicht unterscheidet, und vom rapiden Bevölkerungsrückgang gekennzeichnet ist, müssten Kapazitäten aus dem bestehenden Schulsystem herausgezogen werden. Das heißt, bestehende Schulen würden geschwächt und müssten gegebenenfalls aufgelöst werden. Wie es gehen soll, das jetzige Schulsystem beizubehalten, das heißt eigenständige Grundschule, Regelschule fünfte bis zehnte Klasse und Gymnasium ab der fünften Klasse mit der neuen Schulform "Gemeinschaftsschule" daneben ist schwer nachzuvollziehen.
Die neue Schulform, wie Sie es nennen, dürfte vor allem an solchen Schulstandorten ins Blickfeld rücken, die gefährdet sind. Wäre das nicht eine Chance zur Erhaltung solcher Schulen?
Wie wollen Sie eine Schule erhalten, wenn die Kinder fehlen? Seit 1996 wurden im Kreis etwa die Hälfte aller Grundschulen und 30 Prozent der Regelschulen geschlossen, weil die Schülerzahlen stark rückläufig sind. Seit 1995 wurden rund 110 bis 120 Millionen Euro investiert, um bestehende Standorte langfristig zu sichern. Unser Schulnetz ist für die Zukunft gut aufgestellt. Die mögliche neue Schulform zu wählen, nur um Standortsicherung zu betreiben, ist ein falsches Motiv.
Sehen Sie irgendwo im Kreis eine Möglichkeit zur Etablierung einer Gemeinschaftsschule?
Angenommen, der Gesetzgeber würde dem Schulträger Landkreis auferlegen eine Gemeinschaftsschule zu errichten - im Übrigen wurde bisher immer von Freiwilligkeit gesprochen- da wäre die Frage nach dem Standort und dem Einzugsbereich. Da wir nur kleine Schulen im Kreis haben, deren Schüler sich aus der Fläche rekrutieren, machen wir bestehende Strukturen kaputt. Gemeinschaftsschule will ja, dass Grund- und Regelschüler quasi unter einem Dach beschult werden. In der Konsequenz würden weitere Grund- und Regelschulstandorte geschlossen, weil Schüler für die Gemeinschaftsschule abgezogen werden. Überdies müssten wir Schüler von weither zur neuen Schulform bringen. Wer soll das bezahlen? Ich behaupte daher: Die Gemeinschaftsschule funktioniert als Wahlschulform in Flächenkreisen wie dem unsrigen nicht.
Ist die bestehende gliedrige Schulstruktur also doch der Weisheit letzter Schluss im Bildungssektor?
Ich behaupte doch nicht, dass man Bestehendes nicht verbessern kann. Die Regelschule muss inhaltlich verbessert werden um die Zugangsschwellen zum Gymnasium zu flexibilisieren. Ich bin der Meinung, dass wir über Inhalte und Defizite reden müssen, die zu beheben sind. Aber dafür brauche ich doch keine gewachsenen Strukturen zu zerstören, die wir in fast zwanzig Jahren mit viel Geld und Aufwand aufgebaut haben. Apropos Geld: Bei der jetzigen Haushaltssituation im Freistaat können wir uns kein solches Tauziehen um Bildungsstrukturen erlauben.
Soll das eine Schelte an den Fraktionspartner SPD sein?
Offen gestanden bin ich ärgerlich darüber, wie langfristige kreisliche Planungen aus ideologischen Gründen über den Haufen geworfen werden. Die Idee der Gemeinschaftsschule ist unausgegoren. Ich finde es hochgefährlich, dass Bildungspolitik jetzt zum Experimentierfeld wird, um parteipolitische Profilierung durchzuführen. Dass wir unseren Kindern damit etwas Gutes tun, glaube ich nicht.
Sie glauben also nicht, dass die Gemeinschaftsschule geeignet ist, zur Chancengleichheit der Kinder beizutragen?
Richtig! Im Gegenteil: Ich bin der Auffassung, dass die Gemeinschaftsschulidee zu einer Verschlechterung des allgemeinen Bildungsstandards führen wird, weil auch das gymnasiale Niveau gefährdet ist. Eltern, die es sich leisten können, werden ihre Kinder auf private Schulen schicken, wie das überall dort passiert ist, wo Gesamtschulen entstanden. Das Drama an solchen Strukturbasteleien: Rückschritte in der Bildungsqualität merkt man erst viele Jahre später!
Gespräch: Regina Haubold
aktualisiert von Thomas G. Marzian, 19.06.2010, 05:40 Uhr |
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